Markus Wolf enthüllt: Er war nie Tschekist
Der Saal im 6. Stock des Hauses der russischen Kultur war bis zum letzten Platz voll, und die Hörer drängten sich bis auf den Flur. Der Verein der Freunde der Völker Russlands hatte eingeladen zu einer Lesung von Markus Wolf aus dem Manuskript eines demnächst erscheinenden Buches. Um seine Schulzeit in Moskau, seiner zweiten Heimat, geht es darin und vor allem um seine Freunde aus dieser Zeit, namentlich um einen Freund, mit dem er von 1938 bis 1998 in Verbindung stand. Nein, er sei in seiner Schule in Moskau nicht indoktriniert worden, im Gegenteil, dort sei er zu kritischem Denken angeregt und angehalten worden. Und ihm sei dort z.B. auch die Literatur westlicher Schriftsteller vermittelt worden. Natürlich gab es in dieser Zeit auch die schrecklichen Ereignisse des Stalinismus, aber das war für Markus Wolf etwas ganz anderes als die gute Idee des Kommunismus, von der er beseelt war. Die Hörer erfuhren auch etwas davon, wie die Freunde in Russland die Veränderungen der letzten Jahre reflektiert haben. Da wurde einer der Freunde zitiert, der jetzt Stalin einen Verbrecher nenne und Gorbatschow fast noch schlimmer - einen Verräter. Am Schluss der nachfolgenden Diskussion wurde Markus Wolf die Frage gestellt, ob er denn seinen Freund, der Gorbatschow einen Verräter nenne, erwähnt habe, um ein eigenes Werturteil vorzutragen, oder, wie er sonst selbst dazu stehe. Die Antwort auf diese Frage und auf eine Reihe weiterer Fragen ist Markus Wolf allerdings den Zuhörern schuldig geblieben. Trotz eines aus den Fragen und Diskussionsbeiträgen erkennbaren Heimvorteils für Markus Wolf musste er sich jedoch auch einiges an Kritik und Angriffen anhören. Als erster Diskutant meldete sich Hans-Eberhard Zahn zu Wort, den Markus Wolf nach eigenem Bekunden noch von einem Eklat in Kopenhagen in lebhafter Erinnerung hatte, und sagte: Herr Wolf, ob man Sie zu Recht einen Freund der Völker Rußlands nennen darf, sollte wohl bezweifelt werden. Sie waren nicht nur ein Freund, sondern auch ein Vollstrecker jenes Systems, das die Völker Rußlands und einen Teil auch des Deutschen Volkes unterdrückt hat. (steigende Unruhe im Publikum ...) Sie haben diesem System, das Sie eine edle Menschheitsidee nennen, an maßgeblicher Stelle gedient. In dieser Funktion haben Sie Verbrechen begangen. (Zwischenrufe: Unerhört, aufhören, Frechheit ...) Für einen kleinen Teil dieser Verbrechen sind Sie 1997 rechtskräftig zu 2 Jahren Freiheitsentzug und 50 000 DM Geldstrafe verurteilt worden. Deshalb darf man Sie doch wohl mit Fug und Recht einen Verbrecher nennen. Mich erstaunt immer wieder, mit welcher Chuzpe Sie in der Maske eines Biedermannes an die Öffentlichkeit gehen statt sich dorthin zu begeben, wo Ihre DDR längst liegt: Auf der Müllhalde der Geschichte ! Bei diesen Worten ging ein Gemisch von Buh-Rufen und Beifall durch den Saal ... Sicherlich waren nicht alle Beiträge so kontrovers, doch haben auch in den anderen Beiträgen kritische Fragen nicht gefehlt. Ob ihm, Markus Wolf, zumal bei der Erziehung zum kritischen Denken an der Moskauer Schule, denn nicht die Berichte über die willkürlich Verhafteten, darunter auch Eltern seiner Mitschüler, Anlass zum Nachdenken und zum Erkennen des Unrechtssystems hätten sein müssen, wurde in mehreren Beiträgen gefragt. Die Eloquenz des Reineke, die Wolf hier erkennen ließ, vermochte indes die Schwachpunkte in der Argumentation nicht ganz zu überdecken. Zum einen rechtfertigte Markus Wolf sich damit, dass es ja damals die Zeit des kalten Krieges gewesen sei, zum anderen seien wir ja damals alle manipuliert worden. Wollte sich hier der ehemalige Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit in die Rolle eines Mitläufers flüchten? Deshalb fragte ihn der Autor dieses Artikels am Schluss seines eigenen Diskussionsbeitrages, ob sich Markus Wolf als ein Tschekist ansehe. Für Outsider sei angemerkt: Als hauptamtlicher Mitarbeiter der Stasi bekannte man sich intern mit Stolz zum Tschekismus, der vom sowjetischen Geheimdienst entwickelten Hausphilosophie, und bis zum Ende der Stasi endeten dort interne Briefe mit tschekistischem Gruß. Jetzt aber brachte Markus Wolf die Frage sichtlich in Verlegenheit. Erst durch mehrere Zwischenrufe und Nachfragen gedrängt, legte er zum Erstaunen (mindestens eines Teils) des Publikums das Geständnis ab, er habe sich eigentlich nie als Tschekist betrachtet. Fazit: In diesem angekündigten Buch organisiert jemand, wenn auch verspätet, seine biographische Republikflucht und Desertion in die behauptete Idylle seiner Moskauer Jugendfreundschaften und Oberschulerlebnisse. Frieder Weiße |