| Vorbemerkung: Der nachfolgende Text wurde am 7. Juni 2001 von der Website der PDS Hohenschönhausen (http://www.pds-hohenschoenhausen.de/hafthsh.htm) heruntergeladen und ist seither in Fernsehen und Presse zitiert worden als Beispiel dafür, wie die Basis der PDS wirklich mit markanten Kapiteln der DDR-Vergangenheit umgeht. Wenige Tage später verschwand der Text unter der o.g. URL aus dem Internet. Als zeitgeschichtliches Dokument möchten wir Ihnen diesen Artikel jedoch weiterhin zugänglich machen. |
Waren die heutigen Hohenschönhausener für die Entstehung dieses Lagers verantwortlich? Wie kamen sowjetische Soldaten auf dieses Stück Erde?
Berlin war die Hauptstadt des Deutschen Reiches, hier befanden sich die faschistischen Zentralen, hier fanden die letzten Kämpfe statt, hier war die Kapitulation, hier auch schließlich der Sitz der zentralen Alliierten Behörden, auch der der Sowjetischen Besatzungsmacht. Dass Hohenschönhausen für das sowjetische Internierungslager ausgewählt wurde, resultierte aus seiner Zugehörigkeit zur SBZ und der in der Großküche und im Zwangsarbeiterlager vorgefundenen Logistik. Es hätte auch Zehlendorf oder Charlottenburg sein können, wenn das nicht gerade zur westlichen Besatzungszone gehört hätte.
Berlin war im Mai 1945 eine zerbombte Stadt - viele Wohnungen waren zerstört, es gab nur wenig Lebensmittel und Medikamente, das Wasser war verseucht, die Kanalisation schwer beschädigt, der Elektrostrom fehlte. Und es war extrem kalt im Winter 1945/46. Hunger und Krankheit breiteten sich in Berlin aus, viele Berliner starben an den Folgen. Die Insassen des Lagers in Hohenschönhausen mußten besonders darunter leiden, allein schon wegen des konzentrierten Nebeneinander vieler Menschen, damit auch der Verbreitungsmöglichkeit von Seuchen. Aber auch wegen der absoluten Untätigkeit, Hilflosigkeit und Ungewißheit.
Ein ganzes Viertel von Hohenschönhausen wurde von der sowjetischen Militäradministration bis 1950 großräumig abgesperrt, sowohl für das Lager als auch für Verwaltungszwecke. So war auch das gesamte Orankeviertel. Die Berliner Randlage von Hohenschönhausen und vor allem der noch intakte Bau der NSDAP-Großküche in der Genslerstraße schienen den sowjetischen Besatzungsbehörden geeignet, das Berliner Lager für deutsche Kriegsverbrecher oder Verdächtige hier einzurichten.
Das Lager war den vielen Internierten nicht gewachsen, weder bei der Versorgung mit Lebensmitteln noch bei den hygienischen Bedingungen oder der ärztlichen Versorgung der Kranken. Unmenschlich? Berlin war zerbombt! Waren sie alle unschuldig in das Internierungslager gekommen oder hatte doch ein ganzer Teil von ihnen einen mörderischen Krieg mitgemacht und persönliche Schuld auf sich geladen? Und trotzdem geschah einem Teil der Eingesperrten hier unrecht, z.B. durch eine falsche Denunziation.
Aber auch die andere Seite muss gesehen werden. Was hatten Wehrmacht und SS mit den über 5 Millionen russischen Kriegsgefangenen gemacht? - Mehr als 3 Millionen russische Kriegsgefangene überlebten die deutsche Gefangenschaft nicht, da sie brutal umgebracht wurden oder ebenso an Hunger, Krankheit und Kälte starben. Umgebracht von Deutschen wurden Millionen von Juden, Romas und Sintis, Widerstandskämpfern, Kommunisten, Homosexuellen, Behinderten, Geisteskranken.
Wie kann man sich heute so eine Situation zum Kriegsende vorstellen - was passierte in den Köpfen der Befreier, als sie nun in Hohenschönhausen in Kontakt mit nachgewiesenen oder verdächtigen Mördern und Schreibtischtätern kommen, von Angesicht zu Angesicht!
Haben nicht viele Deutsche damals empfunden, daß ihnen angesichts der barbarischen Untaten jetzt Recht geschieht, sie büßen müssen. Und natürlich trotzdem auf Verständnis und Erbarmen oder gerechte Behandlung und Verurteilung hofften . Eine Relativierung von Unrecht sollte heute nicht zugelassen werden, aber damals handelten die sowjetischen Besatzer mit all ihren persönlichen Empfindungen, über zerstörte sowjetische Städte, umgekommene Freunde und Familienangehörige, mit dem gesehenen unvorstellbaren Leid. Kurz vor Berlin und selbst in Berlin mußten zehntausende sowjetische Soldaten noch ihr Leben lassen. Nun nahmen sie alles gefangen, was verdächtig war. Darunter auch Unschuldige, denunziert von anderen Deutschen. Dabei wurde kein Unterschied zur Parteizugehörigkeit gemacht, selbst Kommunisten wurden verhaftet.
Dass die gefangengenommenen Deutschen keine Wohltätigkeit erwarten durften, das haben diese damals sicherlich gewußt. Es gibt andererseits zahlreiche deutsche Kriegsgefangene, die ihre hohe Achtung vor dem Verhalten ihrer sowjetischen Bewacher in den Lagern auch heute noch formulieren. Insofern ist die heutige Beurteilung der Geschehnisse in den sowjetischen Lagern durch deutsche Politiker nicht immer ehrlich. Neben berechtigter Trauer kommen Töne einer Siegerpose. Wertungen, die ignorieren, wer angegriffen hat und was diesem Land und seinen Menschen angetan wurde.
Es gab 10 weitere sowjetische Internierungslager auf dem Boden der SBZ, so wie es auch amerikanische oder englische Internierungslager in den amerikanisch oder englisch besetzten Zonen gab und in denen leider auch Menschen starben. In den amerikanischen Lagern mit den sogenannten "displaced persons" starben tausende der ehemaligen Zwangsarbeiter oder KZ-Insassen - darunter zahlreiche Juden. Ihnen wurde kaum Hilfe zuteil, eine Ausreise in die USA, nach England oder nach Israel wurd ihnen verweigert. War das humaner?
Ohne diesen mörderischen Krieg, ohen diesen Angriff auf die Sowjetunion hätte es kein Speziallager 3 und keine MfS-Haftanstalt in Hohenschönhausen gegeben.
Das umgebaute Speziallager bzw. Gefängnis wurde 1950 vom DDR-Innenministerium bzw. dem MfS übernommen, andere Flächen, so das Orankeviertel, wurden wieder freigegeben. Daß das weiterhin bewachte Objekt die zentrale Untersuchungshaftanstalt des MfS war, wußten nur wenige Bewohner von Hohenschönhausen. Viele machten sich zwar Gedanken wegen der Wachtürme und wegen des Schlagbaums, aber die gab es auch in anderen MfS-bzw. Militärobjekten. Zur üblichen Bewachung von Dingen, nicht von Menschen.
Sicherlich bedeutete das MfS-Gefängnis kein Zuckerschlecken für die Insassen, so wie es generell Gefängnisse nicht sind, oder wie es z.B. auch nicht für die RAF-Gefangenen in Stammheim war (der Tod der RAF-Gefangenen in der Haftanstalt Stammheim ist immer noch nicht aufgeklärt, ihre Tötung wird nicht ausgeschlossen). Aber waren die Insassen des MfS-Untersuchunggefängnisses in Hohenschönhausen alles Unschuldige, oder gab es doch eine ganze Reihe von ihnen, die mit Spionage vorsätzlich Gesetze der DDR - eines völkerrechtlich anerkannten Staates verletzten? Straftaten, die auch in den meisten Ländern der Erde, so auch in der BRD, zur Verurteilung gelangen. Auch DDR-Kundschafter waren in BRD-Haft, ob Guillaume oder Rupp. Letzterer saß noch nach 9 Jahren Wiedervereinigung.
Bei allem Einverständnis und der Notwendigkeit zur Mitarbeit an der Aufarbeitung der Vergangenheit bzw. dem unbedingten Respekt vor unschuldigen Opfern von staatlicher Willkür, so auch im Falle dieser Einrichtung in Hohenschönhausen, so gibt es keinen Grund, blind kalten Kriegern bei ihrer Pauschalisierung dieser Gedenkstätte und der Kommune Hohenschönhausen als verbrecherischen Ort zu folgen.
Kein Mensch kommt heute auf den Gedanken, die Nürnberger wegen der in Nürnberg stattfindenden NSDAP-Parteitage pauschal als Faschisten, Terroristen, Unmenschen oder Kommunisten zu verurteilen. Und kein Mensch mehr kann das alliierte Militärgefängnis in Spandau, in dem bis vor wenigen Jahren noch der letzte, lebenslänglich verurteilte Kriegsverbrecher einsaß, zum Museum machen. Es wurde abgerissen.
Das Internierungslager und die Haftanstalt Hohenschönhausen sind eher ein Ort der alliierten Nachkriegspolitik, ein Ort gesamtdeutscher Politik und Verantwortung. Die Bundesregierung, die diese Stätte zur "Gedenkstätte Hohenschönhausen" erhoben hat, pauschalisiert Hohenschönhausen als Ort von Terror, ohne auch nur eine Sekunde an die gesamtdeutsche Verantwortung für diesen mörderischen Weltkrieg zu erinnern oder selbstkritisch die eigenen Spionageaktivitäten gegen die DDR zu benennen.
Das ist Politik gegen Ostdeutsche, bei einer völlig unzureichenden westdeutschen Vergangenheitsbewältigung, wodurch Täter des Dritten Reiches unbehelligt in BRD-Regierungsstellen kamen. Und zur gleichen Zeit tauschen bundesdeutsche Spitzenpolitiker mit Altkadern des sowjetischen Systems Freunschaftsrituale aus (So die Saunafreunde Jelzin-Kohl).
Die Pauschalisierung von Hohenschönhausen als Ort alles Verwerflichen zeigt weiterhin Wirkung, ob in der Kommune Hohenschönhausen, ob in Deutschland oder im Ausland. Unter anderem ist es bis heute Hohenschönhausen nicht gelungen, eine Städtepartnerschaft mit einer Stadt im Ausland einzugehen.
Hintergründe für das Geschehen sind deutlich zu benennen, damit die Schüler, die diese Stätte heute besuchen, eine wirkliche Chance der Bewertung bekommen.
Aber auch die Kommune sollte etwas entgegensetzen. - Der Mangel an Botschaften des neuen Hohenschönhausen verstärkt den Pauschalisierungseffekt und hilft nicht, die Chancen der "Wende" zu nutzen. Hohenschönhausen, heute ein freiheitlicher Käfig?